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Schöne neue Welt im Revier

  • Autorenbild: Christoph Boll
    Christoph Boll
  • vor 3 Tagen
  • 3 Min. Lesezeit

Für Kritiker ist Jagd oft nur das Töten von Tieren. Aber nicht jedes Töten eines Tieres ist Jagd. Letztere wird daraus erst bei Einhaltung einer Vielzahl geschriebener und ungeschriebener Regeln unserer Waidgerechtigkeit


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Foto: Rainer Sturm / pixelio.de
Foto: Rainer Sturm / pixelio.de

Diese Grundsätze gehen weit über die vom Staat fixierten Normen und Gesetze hinaus. Dem unbestimmten Rechtsbegriff liegen also ethische und moralische Ansprüche zu Grunde, die sich selbstverständlich im Laufe der Zeit verändern. Sie sind Spiegel ihrer Epoche. So entsprechen mittelalterliche Feudaljagden und Parforcejagden sicher nicht mehr waidmännischen Vorstellungen.


Von Bertolt Brecht ist der Satz überliefert „Erst kommt das Fressen, dann die Moral“. Wenn aus dem animalischen Fressen ein menschliches Essen werden soll, geht das nur bei Einhaltung von Regeln jenseits der Befriedigung physischer Grundbedürfnisse. Ebenso unterscheidet sich menschliches Jagen vom Töten tierischer Beutegreifer. Ein den aktuellen Ansprüchen genügender Umgang mit Wildtieren ist Verpflichtung und Herausforderung zugleich. So hat es das 7. Rotwildsymposium der Deutschen Wildtier Stiftung in seinem „Ostsee-Papier“ formuliert.


Ethisches Handeln mit Wissen und Erfahrung


Einige Regeln sind Selbstverständlichkeiten. Dazu gehört der Verzicht auf den Abschuss von zur Aufzucht notwendigen Elterntieren. Das gilt auch in Phasen starker Wildreduktion. Denn Verstöße gegen den Muttertierschutz verursachen massives Tierleid und gehören konsequent angezeigt. Niemals ist auf die Nachsuche beschossener Wildtiere zu verzichten, wenn sie nicht gleich am Anschuss liegen. Dabei macht es keinen Unterschied, ob es um einen Hasen oder einen Hirsch geht. Die Überhege von Wildarten, um eine hohe Populationsdichte oder starke Trophäen zu erreichen, verbietet sich ebenso wie die Fütterung außerhalb von Notzeiten oder ein unzureichender Abschuss. Solch ein Verhalten ginge zu Lasten anderer Teile des Ökosystems oder beeinträchtigt die legitimen Interessen anderer Gesellschaftsgruppen. Letztlich braucht es für ethisches Handeln ausreichend Wissen und Erfahrung. Deshalb müssen Jäger sich regelmäßig weiterbilden und ihr eigenes praktisches Können zuverlässig einschätzen lernen.


Der Hase wird nicht in der Sasse geschossen und der Fasan ausschließlich im Flug. Lassen wir die Frage außen vor, ob das zur Vermeidung von Krankschüssen der Weisheit letzter Schluss ist, so spricht daraus das Postulat, das Wild müsse eine faire Chance haben. Die ergab sich früher nahezu automatisch durch die überlegenen Sinne des Wildes, die der Mensch nicht durch Technik kompensieren konnte. Längst jedoch ist fraglich geworden, war das Postulat in einer Zeit von Digitalisierung und künstlicher Intelligenz (KI) noch wert ist. Noch vor 20 Jahren erwartete der passionierte Schwarzwildjäger ungeduldig den Vollmond und fieberte dem winterlichen Nachtansitz bei Schnee entgegen. Längst jedoch werden die Sauen ganzjährig bejagt und die meisten bei Neumond erlegt. Wildkameras und Nachtsichttechnik machen´s möglich.


Auch die weitere technische Entwicklung wird nicht an Reviergrenzen Halt machen. Vielleicht wird sie uns in einigen Jahren auf der Basis erhobener Daten, individueller Identifikationsmöglichkeiten und von Bewegungsprofilen vorhersagen, welches Stück Wild nach Alter und Geschlecht mit wie hoher Wahrscheinlichkeit an welcher Stelle im Revier zu welcher Uhrzeit erlegt werden kann. Die negative Utopie aus Aldous Huxleys 1932 erschienenem Roman „Brave New World“ (Schöne neue Welt) könnte so im Jagdrevier Wirklichkeit werden.


So entsteht eine neue jagdliche Normalität, die sich mit Argumenten wie Seuchenprävention und Begrenzung des Klimawandels auch begründen lässt. Sie ist aber weit entfernt vom Jagdbegriff des spanischen Philosophen Ortega y Gasset: „Zwischen Mensch und Tier gibt es eine feste Grenze, wo die Jagd aufhört, Jagd zu sein, und zwar dort, wo der Mensch seiner ungeheuren technischen Überlegenheit über das Tier freien Lauf lässt.“ Vieles spricht dafür, dass sich die Jagd mit zunehmender Rasanz auf die „feste Grenze“ zubewegt. Der Einsatz von Technik macht die Jagd immer effektiver und der Grundsatz „Strecke machen“ beherrscht die Denkrichtung. Wenn der Zweck die Mittel heiligt, kann der Einsatz der Technik kaum noch illegal sein. Längst wird Nachtsichttechnik mit der Begründung des Waldschutzes zur Rehwildbejagung genutzt.


Fluch und Segen liegen eng beieinander


Wer die Entwicklung kritisch betrachtet, redet damit keinesfalls zwangsläufig der Technikfeindlichkeit das Wort. Die Digitalisierung kann durchaus die Waidgerechtigkeit fördern. Heute werden mehr Rehkitze durch den Einsatz von Drohnen mit Wildkameras vor dem Mähtod gerettet, als das Absuchen der Wiesen mit dem Hund oder andere „analoge“ Methoden dies je vermocht haben. Auch Wärmebild- und Nachtsichttechnik bringt große Vorteile beim Tierschutz. Durch das genaue Ansprechen des Wildes können führende Bachen identifiziert und Fehlabschüsse verhindert werden.


Moderne Technik hat also durchaus positive Bereiche. Entscheidend ist der verantwortungsvolle Umgang damit. Nicht das Postulat hehrer Grundsätze ist entscheidend, sondern das Leben des ethischen Selbstverständnisses in der tatsächlichen Jagdpraxis. Stets geht es um Einzelentscheidungen, die dem Jäger niemand abnehmen kann. Die Frage der Selbstbeschränkung muss er angesichts immer größerer Verlockungen und immer niedrigerer Hemmschwellen alleine beantworten. Der damalige baden-württembergische Ehrenlandesjägermeister Dr. Dieter Deuschle hat vor mehr als einem Jahrzehnt gefolgert: „Formell bedeutet dies, Entscheidungen zu treffen, die rechtlich möglich sind, Verpflichtungen zu erfüllen, die nicht immer gesetzlich normiert sind, oder Tätigkeiten zu unterlassen, obwohl sie zugelassen wären.“ Für ihn war deshalb zwingend, dass Jagdausübung nur auf dem Hintergrund des Vorranges der Waidgerechtigkeit erfolgen kann. „Die Beseitigung dieses Grundsatzes würde der Veränderung des Jagens zur Schädlingsbekämpfung hin Vorschub leisten.“

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